Zeitmangel

“Kennst du das Problem?” sprach ich den Typ neben mir an, als er gerade den zweiten Schluck von seinem dritten Glas kippte. “Was für ein Problem?” er wischte sich den Mund ab und drehte sich, um mich ausgiebig zu mustern.

“Das Problem, wenn du stets das unweigerliche Gefühl hast, dir bleibt keine Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.” fuhr ich fort, “Du stehst morgens auf, beeilst dich im Bad, schlürfst den viel zu heißen Kaffee mehr als zu schnell in dich rein und würgst im Laufschritt noch in aller Eile ein lieblos belegtes Brot hinunter, während du schon die Wohnungstür wie gewohnt hinter dir abschließt.” Der Ausdruck in seinem Gesicht gab mir keinerlei Anlass zu glauben, er sei in irgendeiner Art an einem Gespräch interessiert. Kein Gespräch war, was er wollte. Er wollte endlich seine Ruhe.

Nach seinem wie immer beschissen langweilig verlaufenen Arbeitstag, einem Tag geprägt von routinierten Handlungen, devoten Gesten, halbherzigen Bezeugungen überdurchschnittlichen Engagements und Floskeln, deren Hohlheit jedem Zuhörer unwillkürlich in den Ohren schmerzte. Nach einer Woche ohne erkennbare Höhen und Tiefen, nach einem Jahr ohne Abwechslung und einem Leben ohne die gehörige Portion Adrenalin wollte er einfach nur seine Ruhe und vor allem von allen in Ruhe gelassen werden.

Die unerträgliche Eintönigkeit in seinem Dasein hatte ihm jeglichen Mut genommen zu intervenieren und so ließ er mich weiter mein Klagelied singen: “Du verlässt dein Haus und stehst an der gleichen Haltestelle wie an allen anderen Tagen zuvor. Die selben, auch nach Jahren noch fremden Leute warten gemeinsam mit dir auf die ewig gleiche Linie, die dich auf dem gleichförmigsten aller Wege in immer das selbe Büro transportiert. Dein Schreibtisch akkurat wie immer. Alles an seinem Platz. Die Akten vom Vortag ordentlich gestapelt. Sorgfältig getrennt vom Stapel der unbearbeiteten Fälle. Das Verhältnis unweigerlich gleich bleibend. Wie viel du auch arbeitest, der Stapel mit den unerledigten Akten bleibt doch der größere.”

Beim Versuch sich eine Zigarette anzuzünden fiel ihm das Feuerzeug aus der Hand. Umständlich kletterte er von seinem Barhocker und bückte sich mit einem leisen Stöhnen danach. Als er sich wieder setzte bemerkte ich die lange Narbe auf seinem linken Handrücken. War nur schwer zu übersehen. Der Arzt, der die Wunde versorgt hatte, war kaum ein Meister seines Fachs gewesen. Möglicherweise war sie auch nie genäht worden oder zu oft von nervösen Fingern immer wieder aufgekratzt.

Hatte es einen Höhepunkt in seinem Leben gegeben, als er sich im Vollbesitz seiner Zivilcourage in einen Streit einmischte und dabei mit dem Messer des Angreifers Bekanntschaft machte? War er einer von den stillen Helden, die keiner kennt? Um deren Dasein sich nie jemand scherte, weil es doch viel wichtiger ist, zu erfahren, wen die Queen zu ihrem 80. Geburtstag eingeladen hat oder wer sich das nächste Mal bei Gottschalk auf die Couch begibt.

Nein, er war keineswegs ein Held. Er hatte keinen Streit geschlichtet und nie jemanden aus einer brenzligen Situation gerettet. Er hatte sich eines Morgens in aller Eile ein Brot abschneiden wollen und war mit seinem perfekt geschliffenen Messer abgerutscht. Auch das war nur eine Folge von Zeitmangel.

9 Reaktionen zu “Zeitmangel”

  1. Rainer Kristuf

    Bravo Chris,

    sehr schöner Text. Ich freue mich auf solche Blogs.

    Weiter so.

    Rainer

  2. eika

    hallo Klasse Story, so lebensnah! Aufpassen nicht nachmachen! gut

  3. eika

    hallo deine Geschichte könnte auch der Anfang zu einem Krimi sein …

  4. lernt gitarrennoten

    rocks
    klasse geschichte, sehr schön geschrieben
    dance

    Warum wirst du kein schriftsteller? ? : ? : ? :
    dafuer dafuer dafuer

  5. Chris Ka

    danke danke

    Euer Lob wird mir ein besonderer Ansporn sein.

  6. eika

    hallo hallo was ist los?, es tut sich nichts mehr auf dem Blog. Alles Zeitmangel oder was?
    Gibt es keine weltbewegenden Meldungen über die man sich freuen oder aufregen kann?

    Lasst mal wieder etwas hören, oder strickt an der Geschichte weiter ….
    Tschüss! gut

  7. nimmernational

    fast alles schon gesagt, fehlt nur, das den anghoerigen einer bestimmten in diesem blog stark vertretenen sippe die nummer mit den immergleichen unbekannten an der bushaltestelle erspart bleibt, weil sie rechtzeitig … umziehen dance

  8. andreas

    Glatt verlesen: Wurde aus der Bushaltestelle eine Buchhaltestelle )

  9. blind Peter

    @nimmernationale

    eine Frage: welche Drogen nimmst du eigentlich?
    noch ne Frage: kann man die ausserhalb Italiens auch käuflich erwerben?
    die letzte Frage: kannst Du mir nen Dolmetscher Deiner Texte, BlaBla Fisch oder sowas ähnliches vermitteln, möglichst kostengünstig?

    in Liebe dein
    blind Peter

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