Jörgl und der Einsprachvirus

Es war einmal ein Jörgl, Herrscher in einem kleinen Land tief in den Bergen. Dieser Herrscher, den sich das Volk dort selbst ausgesucht hatte, hatte einen sehr merkwürdigen Wahn. Immer wenn das Wort “zweisprachig” sein Trommelfell in Schwingung versetzte, erzeugte dies in seinem Schädel derartige Vibrationen, dass für geraume Zeit sein gesunder Menschenverstand aussetzte.

Wie ein tollwütiger Hund fing er an, um sich zu beißen. Der Schaum troff ihm in weißen Bäuschen aus den Mundwinkeln. In groben Schimpftiraden zog er über alles und jenes her. Selbst die Honoratioren und ehrenwerten Richter des kleinen Landes waren vor ihm nicht sicher. Schließlich bezog er auch die Beamten in seine maßlose Wut und seinen Zorn mit ein und verbot ihnen, ihre zweisprachigen Ortstafeln aufzustellen oder Schreiben zu verfassen, in denen ein derartiges Vorhaben auch nur erwähnt würde.

Sie hatten nur einem alten Gesetz folgen wollen und dem Rat der alten Richter, der nach jahrzehntelangem Hin und Her schließlich entschied, diese Tafeln endlich aufstellen zu lassen.

Offenbar hatte die Entscheidung der alten Richter zu einer massiven Verschlechterung des Gesundheitszustands des Herrschers geführt. Mittlerweile wurden die Anfälle des Jörgls schon beim bloßen Anblick von zwei Worten in verschiedenen Sprachen, die mehr oder weniger zufällig auf dem selben Schild angebracht waren, ausgelöst. Und so kam es, dass der Jörgl in seinem Wahn, alle seine Schergen um sich versammelte, die ihrerseits bereits sichtlich von diesem heimtückischen Virus befallen waren und die nun die gleichen Krankheitssymptome zeigten, wie ihr Jörgl, der Herrscher.

Sie begaben sich gemeinsam zu einsprachigen Ortstafeln und begingen dort ein sehr merkwürdiges Ritual. Wahrscheinlich hofften sie, so endlich den heimtückischen Virus loszuwerden, der ihnen das Gehirn vernebelte. Sie gruben das einsprachige Schild an seinem alten Platz aus und verpflanzten es mit großem Hallo und Trara an einen neuen Ort nur ein paar Meter weiter.

Jeder noch so minderbemittelte Außerirdische hätte bei der Beobachtung dieses Treibens die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und die sofortige Einweisung in eine Nervenheilanstalt beantragt. Der Jörgl und seine Gefolgsleute jedoch fühlten sich jedes Mal gleich um Vieles besser. Ihre Wut und ihr Zorn waren stets wie weggeblasen und sie zogen lachend und feixend von dannen, um sich in den Schenken der Orte vor Ausgelassenheit auf die Schenkel zu klopfen.

Zu dieser Zeit - so wird es überliefert - sank das Ansehen des kleinen Landes in den Bergen sehr deutlich. Es wurde zum Gespött der Menschen in den umliegenden Ländern, weil dort niemand begreifen konnte, wie sehr dieser gefährliche Einsprachvirus unter den Menschen in Jörgls Land wütete. Und die Ausländer erinnerten sich an eine Geschichte, die fast ein jeder unter ihnen kannte: “Wisst ihr noch? Ganz ähnlich wie damals in der Geschichte von Schilda!”

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lachen sie noch heute!

Eine Reaktion zu “Jörgl und der Einsprachvirus”

  1. saschOri

    viele dinge bekommt man hier - in italien - nicht mit, nicht mal als auslandsoesterreicher. das fenoMEN joergl hatte ich schon ziemlich aus den augen verloren - und damit nahezu vergessen.
    bedauerlich, dass ein (un-)armer irrer nach wie vor ein oesterreichisches bundesland - und damit eine europaeische region regieren kann.
    laesst nur hoffen, dass er nicht auf die idee kommt teutsch - oder schlimmer - oesterreichisch - oder noch schlimmer - karntnerisch als europaeische einheitssprache einrichten zu wollen.

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